Date im Dunkelrestaurant

Date im Dunkelrestaurant

Lohnt sich ein Besuch im Dunkelrestaurant? Mach dir selbst ein Bild und komm mit auf mein Date zum Essen im Dunkeln in Berlin.

Die Entscheidung ins Dunkelrestaurant zu gehen

Viele fragen sich vielleicht, ob man da überhaupt hingehen sollte. Man sitzt ja schließlich die ganze Zeit komplett im Dunkeln, muss dabei etwas essen und dafür auch noch viel mehr Geld bezahlen als für ein gewöhnliches Restaurant-Essen. Wieso sollte man sich das dennoch nicht entgehen lassen? Im Nachhinein weiß ich, dass es sein Geld wirklich wert ist. Glücklicherweise habe ich einen Gutschein für zwei Personen von meinen Freunden geschenkt bekommen. Somit wurde mir diese Entscheidung mehr oder weniger abgenommen. Da ich allerdings zu diesem Zeitpunkt schwanger war und die Geburt immer näher rückte, wollte ich unbedingt noch bevor das Baby da ist, den Gutschein einlösen. Mit einem Baby wäre es wohl um einiges schwieriger geworden.

Kurz vor dem Eintritt in die Dunkelheit

Um im Dunkelrestaurant einen Tisch zu bekommen, muss man rechtzeitig reservieren. Dies haben wir natürlich gemacht und kamen pünktlich zu unserem gewünschten Termin an. Voller Spannung und Neugierde betraten wir den beleuchteten Eingangsbereich des Dunkelrestaurants. Ein netter Kellner hinter einer meterlangen Bar begrüßte uns und wir durften uns in den Wartebereich setzen, um im Hellen unser Menü auszuwählen. Es gibt eine Auswahl von mehreren Menüs mit wahlweise drei oder vier Gängen. Außerdem gibt es ein Überraschungsmenü, was ich sehr ironisch fand, da eigentlich alle anderen Menüs auch eher eine Überraschung sind. Schließlich kann man nicht, wie im normalen Restaurant sein Gericht wählen, sondern man entscheidet eher nach einer vagen Umschreibung wie: „Der Frühling küsst den Nebeltau” usw. Das Einzige, was wirklich feststand, war die Fleischsorte oder gar kein Fleisch. Mein Freund wählte das vegetarische und ich das Geflügel-Menü. Dazu einen Cranberrysaft für mich und ein Schwarzbier für ihn. Das konnte er sich natürlich nicht entgehen lassen – ein dunkles Bier im Dunkelrestaurant :D. Einige Minuten später holte uns bereits der blinde Kellner Markus ab, der uns für diesen besonderen Abend begleiten sollte.

Ab in die Dunkelheit

Alles ging auf einmal ziemlich schnell. Ohne große Eingewöhnung oder Einweisung ging es durch die Dunkel-Schleuse ab in den stockfinsteren Restaurantbereich. Alle Gäste, die dem Kellner zugeteilt waren, gingen nun in Polonaise-Formation hinein – der Kellner ging voran, um alle an ihren richtigen Tisch zu bringen. Der nette Kellner brachte auch uns sicher an den Tisch und erklärte kurz worauf wir achten und wie wir uns im Dunkeln verhalten sollen. Die ersten Minuten waren ziemlich beeindruckend. Ich weiß zwar schon wie es sich anfühlt weniger zu sehen, da ich kurzsichtig bin mit -3,75 Dioptirin – aber wirklich gar nichts zu sehen, ist doch noch was anderes. Unsere Getränke wurden uns als erstes gebracht und dabei erklärt, wie man das Glas wiederfindet ohne etwas umzustoßen. Das Trinken gestaltete sich unerwartet einfach. Vielleicht lag es aber auch daran, dass man im Dunkeln noch vorsichtiger ist und wir deshalb nichts verschüttet haben. Auf einmal fiel mir ein, dass ich etwas wichtiges vergessen hatte – einen Haargummi! Ich stellte es mir ziemlich ungünstig vor, mit offenen Haaren im Dunkeln zu essen. Was ist, wenn mir ein Haar in die Suppe fällt? Ich überlegte kurz, wie ich dieses Dilemma überwinden konnte… und dann kam mir die Idee. Ich hatte an diesem Tag eine Hose an, die ich mit einem Haargummi zu gemacht habe, um mir eine Umstandshose zu sparen. Genial – und hier im Dunkeln merkt es nicht einmal jemand, wenn ich mir diesen Haargummi von der Hose entferne und dann für meine Haare verwende, dachte ich mir. Ich musste nur daran denken, mit Haargummi kurz vor dem Rausgehen wieder meine Hose zu zumachen. Andernfalls wäre es echt peinlich mit offener Hose aus der Dunkelheit herauszuspazieren.

Die Vorspeisen

Ich konnte gerade noch so meine Haare zusammenbinden, als der Kellner schon die erste Vorspeise brachte – einen Salat. Für uns kam der erste Härtetest, denn der Salat war alles andere als mundgerecht vorgeschnitten. Man brauchte wirklich Gabel UND Messer, um diesen Salat essen zu können. Mein Freund war schon fast verzweifelt und ich riet ihm nach einiger Zeit, doch einfach mit den Fingern zu essen. Es kann ja sowieso keiner sehen. Ich bestellte sogleich ein paar zusätzliche Servierten.

Nach dem Salat dauerte es nicht lang, bis die zweite Vorspeise kam – eine Suppe. Bei der Suppe hatte ich anfangs die meisten Sorgen, mich zu bekleckern. Zum Glück war Suppenessen im Vergleich zum Salatessen ein Kinderspiel. „Hat euch die Krokodilhirnsuppe geschmeckt?“, fragte der Kellner als er die Teller an unserem Tisch abräumte. Wir lachten ungläubig und ich dachte mir, wenn es wirklich Krokodilhirnsuppe war, dann hat es trotzdem ziemlich gut geschmeckt.

Das Hauptgericht

Die Haupt-Überraschung wurde uns gebracht und ich war gespannt was ich bekam – Geflügel ist schließlich ein sehr weitreichender Begriff. Mit meinem Kugelbauch war ich schon nach den beiden Vorspeisen ziemlich satt, da das Baby in meinem Bauch natürlich auch meinen Magen zusammendrückt und ich somit seit einer Weile schon nicht mehr so viel auf einmal essen konnte. Besonders schlimm war es, wenn ich mich beim Essen leicht nach vorn über den beugte. Nach jedem Bissen des Hauptgerichtes musste ich mich wieder zurück lehnen, um wieder besser Luft zu bekommen und meinen Magen zu schonen. Nun hatte ich ja schon ein bisschen Übung beim Essen mit Gabel und Messer, aber trotzdem war es wiedereinmal eine Überwindung für mich ins Dunkle hinein zu stochern und dann darauf zu hoffen, dass es schmeckt. Welches Geflügelfleisch es war, möchte ich hier nicht verraten. Nur so viel – es war wirklich keinerlei Fett dran, auch keine Knochen und insgesamt sehr lecker.

Das Dessert

Nach den ersten drei Gängen war ich nun mehr als gesättigt. Nicht nur die Tatsache, dass mein Magen zur Zeit weniger Platz durch die Schwangerschaft hatte – sondern auch die Tatsache, dass ich unter diesen speziellen Umständen sehr viel langsamer gegessen habe als normalerweise, bereiteten mir ein ausgeprägtes Sättigungsgefühl. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass das Dessert gaaaanz gaaaanz klein ausfällt. Was zum Glück auch so war. Als der Kellner ankam, um uns das Dessert zu servieren, fühlte er sich zunächst von meinen Schultern zu meinen Ohren hoch. „Was macht er da?“, fragte ich mich verwundert. Er wollte mir etwas zeigen. Die Küchenmitarbeiter und die Kellner sind mit einer Art Walkie-Talkie verbunden, welches er mir in diesem Augenblick an mein Ohr hielt. Er spielte es ab und eine tiefe Stimme aus der Küche sagte: „Am Tisch 631 – das Dessert vom Geflügelmenü für die Schwangere!“ Nun das war schon echt lustig. Da der Kellner blind ist, hat er erst per Walkie-Talkie erfahren, dass ich schwanger bin. Wir lachten und er erzählte uns von seinen drei Kindern. Er erklärte mir, dass die Info „Schwangere“ wichtig sei, damit die Küche keinen Alkohol ins Dessert mixt. Beruhigt darüber, dass man hier mitgedacht hatte, ging ich nun an meinen letzten Gang. Dieser war zum Glück zum Löffeln, was sehr angenehm war :).

Der Schock im Hellen

Nach etwa zwei Stunden in der Dunkelheit und ausgiebigem Essen, war es nun an der Zeit wieder in die helle Welt zurückzukehren. Ich fasste dem Kellner auf seine Schultern, mein Freund fasste mir auf die Schultern und gemeinsam betraten wir die andere Seite. Ich muss sagen, dass ich mich relativ schnell an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Als wir dann wieder im Hellen waren, war es wie ein Schock mit viel zu vielen visuellen Eindrücken – wie eine Überforderung meiner Augen. Ich hätte es locker noch eine ganze Weile länger ohne mein Sehvermögen aushalten können. Am liebsten hätte ich gleich noch viel mehr ausprobiert, zum Beispiel blind durch die Stadt laufen, U-Bahn fahren usw. Meine Neugierde war im Gegensatz zu meinem Magen irgendwie noch nicht gesättigt. Das hätte ich vor diesem Erlebnis im Dunkelrestaurant überhaupt nicht vermutet.

Der Kellner und die Natürliche Familienplanung (NFP)

Mein Freund und ich sind seit Oktober 2011 in der Ausbildung zur/zum NFP BeraterIn. Ungefähr seitdem haben wir die Idee, irgendwann mal die NFP Beratung auch für blinde Paare anzubieten. Nun hatten wir endlich die Gelegenheit, einen Blinden zu seiner Meinung über die Natürliche Familienplanung zu befragen. Am Anfang war er etwas ungläubig und fragte, ob wir das jetzt wirklich ernst meinen. Als er dann merkte, dass wir es wirklich ernst meinen, war er zum Glück sehr aufgeschlossen und fand unsere Idee zudem noch super gut. Am Ende meinte er sogar, dass es definitiv gefragt ist. Sein ebenfalls blinder Kollege kam noch hinzu und sagt mir, dass er mit seiner Frau auch jahrelang schon nur mit der Temperaturmethode verhütet hat. Ich erklärte ihm, dass unsere Methode jedoch so sicher ist wie die Pille, da ein zweites Körperzeichen (Zervixschleim oder Muttermund) hinzugezogen wird. Blinde Paare wären in diesem Fall sogar bevorteilt, weil sie nämlich als zweites Symptom die Veränderungen des Gebärmuttermundes wählen können. Blinde Menschen sind bekanntlich viel geübter im Fühlen und den Gebärmuttermund kann man nun mal ausschließlich erfühlen. Die beiden Kellner waren von unserer Idee begeistert und sagten uns kopfnickend: „Ja, ja wir können total gut fummeln! Darin sind wir die Besten!“

Wir werden also an dem Projekt NFP Beratung für Blinde arbeiten. Falls du dich an unserem Projekt beteiligen oder uns anderweitig dabei helfen möchtest, kannst du dich gerne per E-Mail bei uns melden. Wir suchen noch freiwillige blinde Pärchen, mit denen wir die Blinden-NFP Beratung testweise entwickeln und üben können.

Leave a Comment

{ 0 comments… add one }