Warum Babys anders als Erwachsene schlafen

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Mein Live-Bericht von der Veranstaltung „Schlaf DURCH Baby!” organisiert vom Artgerecht-Projekt in Berlin und meine anschließenden Erkenntnisse, warum Babys anders als Erwachsene schlafen.

Wie es zu meiner Teilnahme am Vortrag „Schlaf durch Baby” kam

Unser Baby ist jetzt fast acht Monate alt. An manchen Tage schläft es gut – auch mal vier bis sechs Stunden am Stück. Manchmal hält es uns jedoch bis heute auf Trapp, sodass wir in der Nacht nur wenige Stunden Schlaf haben. In den ersten drei Monaten war es besonders schlimm, ich habe kaum ein Auge zu gemacht. Doktorarbeit machen, Blog schreiben, Partner und Vater sein und das mit weniger als vier Stunden Schlaf pro Nacht – daran erinnere mich nicht so gern zurück. Viele Eltern stehen gerade im ersten Jahr unter Schlafentzug, weil die Babys scheinbar nie schlafen wenn wir es brauchen. Wie kommt das? Was können wir dagegen tun? Ab wann können wir das Baby im eigenen Zimmer schlafen lassen? All diese Fragen bewegen mich gerade, als ich bei Facebook eine Anzeige vom Artgerecht-Projekt lese. Hier wird ein Vortrag mit einer Ärztin (Christina Baris) und Elternberaterin (Monique Reiter) zum Thema: „Schlaf DURCH Baby”! in Berlin angeboten. Sofort melde ich mich via Facebook an und bin schon sehr gespannt, ob ich Antworten auf meine vielen Fragen erhalte.

Der Vortrag – Schlaf durch Baby & Co

Es ist ein wunderschöner Freitag mit strahlendem Sonnenschein, als ich per S-Bahn und Bus nach Berlin Karow zum Vortrag „Schlaf DURCH Baby” fahre. Der Bus 350 hält genau vor dem Eltern-Kind-Café Rosinchen in Berlin Karow, wo auch der Vortrag stattfinden soll. Als ich das Café betrete, werde ich von einer freundlichen Bedienung begrüßt. Das Eltern-Kind-Café überzeugt auf den ersten Blick. Eine farblich ansprechende Gestaltung des Hauptraumes aus Rot und Weiß sowie eine schöne Spielecke, bequeme Sitzgelegenheiten und leckere Getränke fallen mir als erstes ins Auge. Ich bestelle mir einen Tee und frage, wo ich die Veranstaltung bezahlen kann. „Später nach der Veranstaltung, suchen sie sich schon einen schönen Platz!” Ich setze mich zu den anderen Teilnehmern des Vortrages an einen Tisch und dann soll es endlich losgehen. Die Kursleiterinnen haben selbst ihre Kinder dabei, was unglaublich sympathisch auf mich wirkt.

Es ist etwa 10:00 Uhr und insgesamt sieben Personen sind zum Vortrag gekommen, davon fünf Mütter und zwei Väter. Die Kursleiterin und Elternberaterin Monique begrüßt die TeilnehmerInnen. Sie weist uns darauf hin, dass die Veranstaltung lustigerweise am 21. Juni, dem offiziellen Tag des Schlafes, stattfindet. Die Eltern schmunzeln und erzählen in der Vorstellungsrunde von ihren Erfahrungen… Die Kursleiterinnen hören aufmerksam zu und richten ihren Fokus des Vortrages auf die Fragen der Teilnehmer. Viele Eltern leiden unter Schlafentzug und wirken gestresst, da ihr Kind noch nicht durch schläft. Eine Schwangere Teilnehmerin möchte sich auf die ersten Wochen mit Baby vorbereiten. Alle wollen die Antwort auf die Frage wissen: „Wie schaffe ich es, dass mein Kind durch schläft?” Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich nun, die für mich wichtigsten Kernaussagen und Informationen in Teilpunkten zusammenfassen.

Babys schlafen anders

Zunächst stellen die Kursleiterinnen klar, dass Babys keinen Tag und Nacht-Rhythmus wie Erwachsene haben. Das bedeutet, dass sie nicht notwendigerweise nachts schlafen müssen. Dies wird für viele Eltern zum Problem, da sie gerade dies von den Kindern erwarten. Die Gesellschaft ist in diesem Punkt leider nicht gut aufgeklärt und so werden Eltern immer wieder unter Druck gesetzt und von Verwandten, Freunden und Bekannten gefragt: „Schläft euer Kind schon durch?“ Die Antwort laut bei den meisten Eltern „NEIN”, aber man traut es sich nicht zu sagen, weil die anderen so einen Druck machen. Viele Leute prahlen damit, dass ihr Kind von Anfang an durch-geschlafen hat – fragt man dann genauer nach, zählen die 4 bis 5 mal Stillen pro Nacht für diese Mütter nicht. Viele KursteilnehmerInnen fühlen sich von der Gesellschaft und ihrem Umfeld beim Thema Schlafen und Erziehung unter Druck gesetzt. Die Kursleiterinnen Christina und Monique lenken an dieser Stelle ein und sagen: „Babys können schon mal durch-schlafen, allerdings ist der Begriff des Durchschlafens für Babys anders definiert”:

Ein Baby hat durchgeschlafen, wenn es vier bis sechs Stunden ohne sich zu melden still war. Dabei kann es sogar kurz wach werden.

Dass man Durchschlafen für Babys anders definieren muss, hängt damit zusammen, dass Babys einen anderen Schlafrhythmus als ihre Eltern haben. Babys haben einen Schlaf-Wach-Rhythmus – das heißt, sie schlafen oder sie sind wach. Der Tag-Nacht-Rhythmus, wie wir ihn als Erwachsene kennen, entwickelt sich erst bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr. Aus diesem Grund ist es nicht „artgerecht” von seinem Baby zu erwarten, dass es von 18.00 Uhr abends bis früh um 6.00 Uhr morgens ohne Unterbrechung schläft. Tatsächlich müssen die Eltern hier Geduld mitbringen und sich wenn es möglich ist, sich dem individuellen Rhythmus des Babys anpassen. Das heißt in erster Linie, dann schlafen, wenn das Kind schläft – soweit es möglich ist. An dieser Stelle fragen sich viele Eltern – wie viel schlafen Babys im Durchschnitt? Reicht die Zeit überhaupt aus?

Babys schlafen unterschiedlich

Babys schlafen je nach Alter unterschiedlich lang. Zum Beispiel schlafen Babys bis zum ersten Lebensmonat etwa 14 bis 16 Stunden. Vom zweiten bis sechsten Monat sind es immer noch 10 bis 13 Stunden usw. Die meisten Erwachsenen kommen mit 8 Stunden Schlaf schon aus. Es ist also genug Zeit zum Schlafen, vorausgesetzt, man schläft, wenn das Kind schläft:

Tipp 1:
Für die Eltern und das Baby gilt: Schlaf hat Priorität. Schlaf wenn das Baby schläft, dann wirst du genug Schlaf bekommen.

Hierbei ist der Satz „Schlaf hat Priorität” besonders wichtig. Denn wem nützt eine aufgeräumte Küche etwas, wenn die Eltern
gestresst und genervt mit Augenringen herumlaufen? Ist es nicht meist viel wichtiger, dass die Eltern gut drauf sind und sich um das
Kind mit aller Ruhe kümmern können?

Schlaf und Gehirnentwicklung hängen zusammen?

Ein teilnehmender Vater berichtete von seinen Erfahrungen: „Meine Tocher ist jetzt neun Monate. Sie schläft in einem separaten Bett. In der Regel wippen wir sie in den Schlaf, während wir Lieder singen. Leider erwacht unsere Tochter meist mitten in der Nacht mehrmals und wir kriegen sie schlecht zur Ruhe. Sie möchte auch ungewöhnlich oft stillen? Ist das normal?” Die Kursleiterinnen Monique und Christina reagieren gelassen. „Hast du schon mal auf den Kopf des Babys mit neun Monaten im Vergleich zum ersten Monat geachtet?”, fragen sie den besorgten Vater. „Der ist ganz schön groß geworden”, sagt der Vater stolz. Richtig, das Gehirn und der Kopf wachsen in den ersten 3 Lebensjahren auf die zwei- bis dreifache Größe an. Einen enormen Wachstumsschub machen Babys von neun bis zwölf Monaten durch. Aus diesem Grund brauchen sie viel Nahrung, wollen häufiger stillen oder anderweitig genährt werden und sind zudem auch nachts öfter wach. Ebenso braucht das Baby aufgrund der vielen Eindrücke ihre Eltern in dieser Zeit sehr stark, ähnlich wie ein guter Freund in einer schwierigen Lebenssituation Rat braucht und ständig anruft. Als Eltern müssen wir in dieser Zeit stark sein und für unser Baby da sein, der folgenden Tipp ist aus meiner Sicht in diesem Kontext wichtig:

Tipp 2:
Erlaube deinem Baby bis zum dritten Lebensjahr in der Nähe deines Bettes zu schlafen, wenn es deine Nähe braucht.

Für viele Kinder ist es hilfreich, wenn sie in diesen schwierigen Zeiten – in der sich das Gehirn stark entwickelt – nicht alleine sind. Aus diesem Grund schlafen sie auf dem Arm oder in der Nähe der Eltern häufig besser. Die Vorstellungen – das Kind würde hier verwöhnt werden – entspricht nicht der Realität, wie der nachfolgende Diskussionspunkt zeigt.

Niemand schläft gern allein

Nach den Erfahrungen der Kursleiterin Monique, die selbst drei Kinder hat, möchten Kinder irgendwann in ihrem eigenen Bett schlafen. Dafür braucht man sie nicht zwingen. Sie selbst hat es ganz anders geregelt. Hier haben die Kinder drei Kinderzimmer, eines zum Spielen, eines zum Schularbeiten machen und eines zum Schlafen. Das diese Aufteilung sehr sinnvoll ist, begreift man, wenn man diesen Aspekt aus der Perspektive der Evolutionstheorie betrachtet. Der Mensch ist ein Herdentier, er möchte nicht alleine schlafen. Evolution-theoretisch ist das Herdenschlafen sinnvoll, denn nur in der Gemeinschaft war man bei einem Angriff von Tieren oder Feinden geschützt. „Was machst du, wenn dein Mann auf Geschäftsreise ist?“, fragt Monique eine Kursteilnehmerin. „Ich hole mir meine Tochter mit ins Bett, da ich ungern allein schlafe”, entgegnet die Frau. Die Antwort ist für viele in der Runde ein AHA-Effekt. Niemand schläft gern allein – das ist jetzt auf einmal klar. Doch wie regeln es die Eltern, dass sie gemeinsame Stunden zu zweit haben? Hier geben die Kursleiterinnen den folgenden Tipp:

Tipp 3:
Es ist einfacher die Eltern aus dem gemeinsamen Bett mit den Kindern auszuquatieren als die Kinder.

Die meisten Kinder wollen/brauchen die Nähe ihrer Eltern bis sie eingeschlafen sind, danach kann man sich gern auch für ein paar Stunden in einen anderen Raum verziehen und später wieder ins Bett mit den Kindern zurückkehren. Monique erhält für diesen Vorschlag viel Zustimmung und Verständnis. Hierbei setzt Monique nochmal nach und sagt: „Das Ziel der Eltern ist es nicht eine Strichliste abzuhaken: Kind hat das erste mal durchgeschlafen (✓), Kind schläft allein im Zimmer (✓), Kind hat Abitur (✓), Kind besucht Universität (✓), … (✓)” Ziel der Eltern ist es, dass Zusammenleben für alle Familienmitglieder glücklich zu gestalten und zu organisieren. Die Ärztin Christina fügt hinzu: „Eine Studie zeigt, dass Kinder, die gemeinsam mit ihren Eltern schlafen und dessen Bedürfnisse ernst genommen werden, selbstbewusster sind.” Die Eltern schauen überrascht, doch so langsam merkt man, dass ein Umdenken stattfindet. Eine Frau erinnert sich an ihre Kindheit und sagt: „Oft habe ich mir von meinen Eltern einfach nur Verständnis und Zuneigung gewünscht”, mehr brauchte ich nicht. Die anderen stimmen nickend zu.

Schreien lassen oder nicht schreien lassen?

Für große Diskussion sorgt derzeit das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen” von Annette Kast-Zahn, das viele der Anwesenden gelesen haben. Das Buch spaltet die Eltern in zwei Welten, denn es verspricht, dass jedes Kind schlafen lernen kann. Die im Buch vorgestellte Methode, dss Kind auch mal „schreien” zu lassen und das Baby erst nach bestimmten Zeiten z. B. 3, 5 oder 10 Minuten aufzusuchen, ist nach Ansicht der Kursleiterinnen zwar funktional, aber nicht empfehlenswert. Die Babys lernen hier, dass es nichts bringt zu schreien, da ihre Eltern nicht für sie da sind. Sie resignieren und viele sind traurig und werden im späteren Leben weniger selbstbewusst, wie Christina Baris nochmals hinweist. Die Methode wurde ursprünglich für Behinderte in Heimen entwickelt, in denen es manchmal keine andere Möglichkeit gab. „Für Eltern mit Babys ist das Buch nicht geeignet”, meint Monique Reiter. Es gibt hier viel bessere Bücher z. B. das Buch „Schlafen statt Schreien” von Elizabeth Pantley, fügt eine Mutter hinzu. Hier werden den Eltern wirklich tolle Tipps gegeben. Einen dieser Tipps stellt die Mutter von einer zweijährigen Tochter vor:

Tipp 4:
Bastele deinem Kind ein Einschlafbuch, das deinem Kind zeigt, dass es schon groß und erwachsen ist und stolz auf sich sein kann.

Soweit ich die Idee richtig verstanden habe, sammelt man Fotos die die Entwicklung des eigenen Kindes zeigen. Jeder kleine Schritt den man schon geschafft hat bis heute. Das Kind sieht also, was es schon alles geschafft hat. Dies soll ihm Mut machen, auch das alleine schlafen ohne Angst zu lernen. Natürlich sollte das Kind wissen, dass es gerade in der Anfangszeit immer wieder in den sicheren Hafen der Eltern zurückkehren kann. Das Einschlafbuch ist hier eine schöne Idee, um das Kind zu motivieren selbst den Schritt zu wagen. Wieder liegt der Schwerpunkt auf der Beziehung zwischen Eltern und Kind, der alle Artgerecht-Projekt Fans tief verbindet. Es hat nach Ansicht der Kursleiterinnen den richtigen Ansatz, nämlich für sein Kind da zu sein und es nicht hilflos schreien zu lassen. „Würdest du deine Freundin, wenn sie in Not ist und um Hilfe schreit allein lassen?”, fragt sie wieder den Vater. „Nein, natürlich nicht, ich würde mich um sie kümmern”, sagt der wirklich lobenswerte verständnisvolle Vater und Partner. Allen ist ohne weitere Wort klar: „Es ist falsch, ein Kind einfach schreiben zu lassen – es ist besser, sich um das Kind zu kümmern.” Das Schreien hat übrigens auch evolutionäre Gründe, denn nur so konnte das Baby den Eltern zeigen, was es braucht und wurde nicht allein gelassen oder vergessen. Das Schreien ist eine (über)lebensnotwendige Verhaltensweise, auf die man mit Verständnis, Liebe und Zuneigung und keinesfalls mit Ignoranz antworten sollte.

Kostenfreies E-Book

Im Laufe des Vortrages erwähnen die Autoren das sehr empfehlenswerte kostenfreie E-Book von Sybille Lynold mit dem passenden Titel „Kinder brauchen uns nachts”, das du hier herunterladen kannst. Ebenso weisen sie daraufhin, dass man viele weitere Informationen im Rahmen der Schlafwoche auf dem Windelfrei Blog (www.windelfrei.blog.de) nachlesen kann. Besonders schön finde ich hier die 10 Schritte zur entspannten Nacht von Nicola Schmidt – sehr empfehlenswert.

Fazit

Insgesamt hat mir die Veranstaltung sehr gut gefallen. Sie hat mir klargemacht, dass ich mich nicht zu sehr von den Meinungen anderer Leute, sondern eher von meinem eigenen Gefühl und Menschenverstand in Sachen „Eltern sein” leiten lassen sollte. Menschlichkeit ist ein sehr wichtiger Wert, den wir im Hinblick auf das Thema „Schlaf DURCH Baby!“ nicht vergessen dürfen. Hierbei ist der letzte Satz so zu verstehen, dass man durch sein Baby mehr Schlaf bekommen kann, wenn man sich seinem Rhythmus anpasst. In diesem Vortrag sind noch viele andere Themen wie dem plötzlichen Kindestod oder die Kinderbetreuung sowie Tipps für alleinstehende Mütter diskutiert worden. Wer solche Informationen sucht, dem empfehle ich einfach Veranstaltungen des Artgerecht Projektes zu besuchen. Dort findet ihr kompetente Ansprechpartner. In diesem Artikel wollte ich die für mich wichtigsten Punkte mit dir teilen und mit alten Vorurteilen der Gesellschaft aufräumen. Um es mit dem Worten von Nicola Schmidt und Julia Dibbern zu sagen: „Du hast nur dieses eine Leben, also nimm dir die Freiheit!”

Nachdenkliche Grüße sendet

Marcus Krahlisch

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