Eltern Kind Gruppe statt Kita? – Interview mit Ellen Schüttig

Eltern Kind Gruppe

Eltern- Kind-Gruppe beim Spielen im Park

Ellen Schüttig organisierte eine Eltern-Kind-Gruppe statt ihr Kind in die Kita zu geben. Wie das funktioniert, erzählt sie uns im Interview.

trainyabrain: Ellen, mittlerweile hast du vier Kinder, die ersten drei Kinder sind nach 15 Monaten in eine Regelkita gegangen. Was hat dich überzeugt es beim vierten Kind alles anders zu machen und die Kinderbetreuung gemeinsam mit anderen Müttern selbst in die Hand zu nehmen?

Hauptsächlich waren es die Umstände, die zu dieser Entscheidung geführt haben. Meine ersten drei Kinder habe ich beispielsweise, während meines Studiums der Sozialpädagogik bekommen. Hierfür habe ich jeweils immer zwei Urlaubssemester genommen. Damit ich mein Studium zeitnah beenden konnte, war es allerdings erforderlich, die Kinder danach in die Kita zu geben. Bei meinem vierten Kind hatte ich nun den Luxus, dass mein Mann ausreichend verdient, sodass ich nicht unbedingt arbeiten muss, damit wir leben können. Ebenso bin ich in der Zeit als Mensch und Mutter gereift und sehe heute auch die Probleme der Fremdbetreuung in Kitas. Ich hinterfrage mehr als früher. Als dann die Absage unserer Wunsch-Kita für mein viertes Kind kam, rief ich zunächst bei einer anderen Kita an, war jedoch etwas abgeschreckt, weil die Erzieherin am Telefon recht unfreundlich klang. Zudem war ich nicht ganz sicher, ob ich mein Kind überhaupt in eine Kita geben wollte. Das war nicht unbedingt etwas, was ich so richtig hätte begründen können, eher so eine „Bauchgeschichte“. In einem wöchentlichen Mutter-Kind-Treff tauschte ich mich regelmäßig mit anderen Müttern aus. Teilweise ging es ihnen ähnlich oder sie hatten für ihr Kind einen Kitaplatz in Aussicht, mussten aber noch ein Jahr darauf warten. Sie hätten aber, genauso wie ich, gern schon ein bisschen Entlastung gehabt. So wurde die Idee, eine Eltern-Kind-Gruppe zu bilden, geboren.

trainyabrain: Wie hast du die Betreuung mit den anderen Müttern in eurer Gruppe organisiert?

Zuerst war die Frage zu klären in welchem Umfang jede Mutter für die Betreuung der Kinder Zeit hat und ihr Kind betreuen lassen möchte. Hier kamen wir schnell zu dem Entschluss, dass eine Betreuung der Kinder im Umfang von täglich 4 Stunden an den Werktagen Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag für uns sinnvoll ist. Einige Mütter ließen ihre Kinder allerdings nur alle zwei Wochen und in einem geringerem Umfang betreuen. Den Donnerstag wollten wir uns freilassen, da wir uns an diesem Tag meist zum gemeinsamen Austausch beim wöchentlichen Mutter-Kind-Treff trafen. Die Kinder wurden vorwiegend in den Wohnungen der Mütter betreut, welche eine ausreichende Größe, Spielplätze und Grünflächen in der Nähe hatten. Die Bedingungen für eine Kinderbetreuung in den Wohnungen und der Umgebung waren somit sehr gut. Ebenso lagen die Wohnungen im selben Stadtgebiet, was die Organisation der Gruppe sehr erleichterte. Wir legten gemeinsam fest, dass unsere 3 bis 6 Kinder, welche im Alter von 2 bis 3 Jahren waren, immer von mindestens zwei Personen betreut werden sollten. Um das zu ermöglichen, holten wir uns Hilfe und stellten im ersten halben Jahr auf Minijob-Basis eine Krankenschwester an, die einen Übergangsjob suchte. Im zweiten Halbjahr konnten wir eine Studentin gewinnen, die auf Honorarbasis arbeitete. Beide Aushilfen durften maximal 15 Stunden pro Woche arbeiten, da sonst eine Anstellung vom Gesetzgeber her komplizierter gewesen wäre. Die Kosten für die Aushilfen wurden gerecht auf die Eltern aufgeteilt, je nachdem wie viel Elternarbeit (Betreuungsstunden) sie geleistet hatten. Einige Eltern bekamen daher sogar etwas Geld wieder andere mussten sich stärker an den Kosten beteiligen.

trainyabrain: Wie hat dein Umfeld auf diese Form der Kinderbetreuung reagiert? Gab es Vorwürfe, dass du dein Kind nicht mit einem Jahr in die Kita gegeben hast?

Überwiegend waren die Reaktionen aus meinem Umfeld positiv. Natürlich haben sich einige Verwandte und Bekannte (v.a. die ältere Generation) gefragt, ob die Betreuung in einer Kita nicht besser als die Eltern-Kind-Gruppe sei. Schließlich existieren in der Kita ja qualifizierte Betreuer. Aus meiner Sicht ist es jedoch so, dass die Eltern die wahren Experten für ihre Kinder sind, sie kennen ihre Kinder am besten, da sie die meiste Zeit mit ihnen verbringen. Wenn sie den Kindern genügend Halt geben, entwickeln sich diese fast von ganz allein in die „richtige“ Richtung und müssen nicht künstlich gefördert werden. Es steckt so viel Potential in ihnen, was nur darauf wartet, sich entfalten zu können.

Vielleicht gab es auch deshalb mehr positive Reaktionen und interessierte Rückfragen, weil die Leute in meinem Umfeld von Natur aus schon etwas alternativer eingestellt sind. Aus diesem Grund gab es bis heute keine wirklich negativen Reaktionen. Ganz im Gegenteil, viele sahen den guten Betreuungsschlüssel und den persönlichen Umgang mit den Kindern als großen Vorteil der Eltern-Kind-Gruppe an.

trainyabrain: Kannst du das Konzept der Eltern-Kind-Gruppe anderen Eltern weiterempfehlen?

Für unsere Kinder im Alter von 2 bis 3 Jahren war es aus meiner Sicht eine sehr gute Alternative zur Kita. Die Organisation war natürlich auch mit etwas Zeitaufwand verbunden. Ebenso müssen die beteiligten Mütter/Väter auch eine gewisse Bereitschaft zur Elternarbeit mitbringen. Für mich persönlich war die Lösung zu diesem Zeitpunkt optimal, sodass ich das Konzept einer Eltern-Kind-Gruppe durchaus weiterempfehlen kann.

trainyabrain: Wie lange bestand diese Eltern-Kind-Gruppe und warum existiert sie heute nicht mehr?

Die Eltern-Kind-Gruppe bestand etwa 1 Jahr. Es war uns von vornherein klar, dass spätestens nach diesem einen Jahr Schluss sein würde, weil bis dahin die meisten dann ihren Kita-Platz hatten, den sie dann auch in Anspruch nehmen wollten. Außerdem waren unsere Kinder nun ein Jahr älter, also ca. 3 -3,5 Jahre alt und das ist für die meisten Familien dann der Punkt, an dem spätestens wieder beide Eltern arbeiten gehen wollen oder müssen. Für diese Altersgruppe ist deshalb die Eltern-Kind-Gruppe nicht mehr so praktikabel (es sei denn, man hat mehrere Familien, in denen es noch weitere, jüngere Kinder gibt und wo deshalb ein Elternteil ohnehin noch zu Hause bleibt).

trainyabrain: Nun hat sich die Eltern-Kind-Gruppe aufgelöst. Wie möchtest du in Zukunft die Betreuung deines Kindes organisieren?

Diese Frage hatte ich mir bereits zur „Halbzeit“ unserer Eltern-Kind-Gruppe gestellt, da wir ja schon etwas voraus denken mussten und eine Perspektive brauchten, wie es nach der Gruppe weiter geht. Gemeinsam mit einer Freundin diskutierten wir damals darüber, einen eigenen Naturkindergarten aufzubauen, in dem unsere Kinder betreut werden könnten. Anfangs waren wir uns hier sehr unsicher, da man sich bei diesem Weg wirklich in das Projekt und die Idee reinhängen muss, damit sie funktioniert. Doch dann dachten wir an unsere Kinder und wie wichtig eine Alternative zur Regelkita in der Stadt Halle wäre. So wagten wir es schließlich.

trainyabrain: Warum soll es gerade ein Naturkindergarten sein? Welche Unterschiede siehst du zur Regelkita? Was hat Dich besonders an dem Konzept eines Naturkindergartens überzeugt?

Ich möchte zur Erklärung einen kleinen Vergleich wagen. Viele Menschen sind gegen Massentierhaltung und verstehen auch warum diese Form der Haltung nicht gut für die Tiere ist. Die Massentierhaltung existiert bis heute, weil sie finanziell rentabel ist. Ähnlich sieht die Situation in vielen Regelkitas aus. Bei Behörden bekomme ich regelmäßig zu hören, dass eine Kita wirtschaftlich sein muss und dass sie sich erst bei ca. 100 bis 120 Kindern rentiert. Es gibt zum Glück auch noch etliche kleinere Kitas (v.a. von freien Trägern), aber auch viele in dieser Größe, noch dazu mit einem schlechten Betreuungsschlüssel. Wenn die Hühner oder Schweine nicht „glücklich“ sind, weil sie nicht artgerecht gehalten werden, wenn sie krank werden, weil sie in großer Zahl auf engem Raum leben müssen und deshalb vorbeugend mit Antibiotika behandelt werden, regen wir uns darüber zu Recht auf. Unsere Kinder setzen wir aber oft, ohne nachzudenken, ähnlichen Zuständen aus… Allein der Geräuschpegel bzw. der Stress, der bei einer so großen Zahl an Kindern auf einem Haufen entsteht, ist aus meiner Sicht weder den Betreuern noch den Kindern auf Dauer zuzumuten. „In einem Naturkindergarten gibt es dagegen (laut Richtlinie für Sachsen-Anhalt) maximal 18 Kinder ab 3 Jahren, die von 2 Fachkräften betreut werden. Dies ist ein wesentlich besserer Betreuungsschlüssel als in vielen Kitas in Deutschland für diese Altersgruppe. In der Natur ist der Geräuschpegel vermindert und die Kinder können sich freier bewegen, was zu einem besseren Abbau von Aggressionen und Stress bei den Kindern führt. In den meisten Kitas kommt die Bewegung für die Kinder zu kurz, in den Tagesplan passen maximal eine halbe bis eine Stunde Aufenthalt im Freien. Seit vielen Jahren weiß man schon, wie wichtig Bewegung für die Entwicklung unserer Kinder ist. In einem Naturkindergarten sind die Bedingungen für die motorische Entwicklung der Kinder optimal. Ebenso wird die Kreativität durch das Fehlen von vorgefertigtem Spielzeug gefördert, da beispielsweise die Kinder darüber kommunizieren müssen, was nun der Stock sein soll, den sie in der Hand halten. Mal ist der Baumstumpf einfach nur eine Sitzgelegenheit oder ein Tisch, mal die Zinne einer Burg, das nächste Mal vielleicht ein lauerndes Monster oder eine Plattform für kleine Bauwerke… Darüber hinaus führt die große Zahl an Kindern in der Regelkita auch zu einer höheren Infektionsgefahr, da sich die Keime an dem Spielzeug und den Möbeln leichter festsetzen können und die Luft in den geschlossenen Räumen mit ihnen angereichert ist. Durch den geringen Aufenthalt im Freien sind die Abwehrkräfte der Kinder vermindert, weshalb die Zahl der Infektionen und Erkrankungen von Eltern und Kindern durch die Regelkita deutlich höher als in einem Naturkindergarten einzuschätzen ist. Der wichtigste Punkt ist für mich allerdings, dass Regelkitas eine künstliche Umgebung sind, welche nur erschaffen wurde, um unsere Kinder zu betreuen. Mit viel Aufwand versucht man diesen „toten” Raum nun mit pädagogischen und spielerischen Inhalten zu füllen, um unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten. Die Natur ist dagegen ein Raum, der unabhängig von den Kindern existiert und auch ohne die Kinderbetreuung eine Bedeutung hat. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze und Abläufe, die die Kinder spielerisch begreifen und erlernen können. Diese Erfahrungen prägen die Kinder aus meiner Sicht für ihr ganzes Leben positiv.

trainyabrain: Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht ist einen Naturkindergarten zu gründen. Was sind deine größten Herausforderungen bei diesem Projekt?

Die Finanzen sind bisher die größten Herausforderungen. Eine Kita finanziert sich in der Regel durch den Träger, den Staat und die Eltern. Die Gesetzgebung des Landes Sachsen-Anhalt gibt eine maximale Anzahl von 18 Kindern ab 3 Jahren vor, die in einem Naturkindergarten halbtags betreut werden können. Dafür müssen immer zwei ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung stehen. Dies ist, wie schon erläutert wurde, ein deutlich besserer Betreuungsschlüssel als in der Regelkita. Der Staat bezahlt allerdings nur den Regelsatz für die Personalkosten, die sich aus dem Betreuungsschlüssel der Regelkita ergeben. Folglich fehlen nach meinen Berechnungen selbst bei voller Auslastung des Naturkindergartens etwa 1700 Euro pro Monat für die Deckung der Personalkosten. Diese müssen nun entweder auf den Träger oder auf die Eltern umgelegt werden. Diese Mehrkosten führen somit meist zur einer Anhebung des Beitrages der Eltern. Das ist ein Effekt, den wir gern vermeiden möchten, da der Naturkindergarten ja nicht nur für die Besserverdienenden erschwinglich sein soll. Wir wollen versuchen, den Staat zu einer Übernahme der entstehenden Personalkosten zu bewegen, da er einerseits die Gesetze hinsichtlich der Betreuung in Naturkindergärten festgelegt hat, und andererseits für die Bezahlung der Betreuer verantwortlich ist.

trainyabrain: Nun gibt es ja in Halle noch einen Waldkindergarten, was ist der genaue Unterschied zu einem Naturkindergarten?

Nun, hinter einem Waldkindergarten und Naturkindergarten verbergen sich sehr ähnliche Konzepte. Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch, dass ein Waldkindergarten, wie der Name schon sagt, im Wald angesiedelt ist. Aus diesem Grund befinden sich viele Waldkindergärten angrenzend an ein Waldgebiet am Stadtrand, was in der Regel schlecht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen oder einfach zu weit entfernt ist. Der Naturkindergarten meint nicht vornehmlich einen Wald als Raum für die Kinder, sondern es könnte genauso gut ein Park sein oder ein anderer geeigneter Naturraum. Zum anderen hat sich der Begriff „Naturkindergarten“ auch für Kitas eingebürgert, die zwar einer Regelkita sehr ähnlich sind, aber ein sehr naturverbundenes Konzept haben, z.B. regelmäßige Waldtage, Betreuung von Tieren, Arbeit in einem Garten u.ä. Ein Naturkindergarten, kann sich somit auch im Stadtraum befinden, welcher in der Regel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln leichter zu erreichen ist. Der von mir konzipierte Naturkindergarten kann beide Vorteile vereinen. Das Areal befindet sich auf zwei bewaldeten Bergen, die direkt von mehreren Wohngebieten umgeben sind. Der Naturkindergarten wird daher sehr gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein. Darüber hinaus ist ein Gartenbereich geplant, in dem die Kinder selbst Pflanzen anbauen und pflegen können. Natürlich wird es auch eine beheizbare Schutzunterkunft (wahrscheinlich einen Bauwagen) geben, in den sich die Kinder zurückziehen können, wenn es draußen doch einmal zu ungemütlich wird. Dort gibt es dann auch Material und Werkzeug zum Basteln und Werkeln, sowie Bücher und Puzzles. Diese Beschäftigungsmöglichkeiten werden zum einen von vielen Eltern gefordert, da sie diese als Vorbereitung auf die Schule begreifen. Zum anderen werden auch von staatlicher Seite bestimmte fachliche Standards gefordert, und da es als ein eventueller Nachteil betrachtet wird, dass die Kinder im Waldkindergarten „nur“ draußen sind, sollen sie ergänzend bewusst an die Kulturtechniken heran geführt werden. Dazu gehören Dinge wie die richtige Stifthaltung oder der Umgang mit einer Schere. Es gibt noch nicht allzu viele Studien, die sich mit Waldkindergärten befassen, aber man kann trotzdem schon nachweisen, dass die Wald- und Naturkindergärten die Kinder mindestens genauso gut auf die Schule vorbereiten können, wie die Regelkita. In einigen Bereichen, wie beispielsweise der motorischen Entwicklung, schneiden sie sogar besser ab (Kiener S. 2004).

trainyabrain: Die ehemalige Familienministerin Schröder ist von ihrem Amt zurückgetreten, weil sie mehr Zeit für ihre Tochter haben möchte. Was muss aus deiner Sicht passieren, damit Kinder und Karriere für Frauen in Deutschland wieder zusammenpassen?

Müssen Familie und Karriere wirklich zusammenpassen? Und können sie das überhaupt? Der Philosoph Dieter Thomä stellte in seinem Interview mit der TAZ, schon sehr treffend fest, dass der Kapitalismus und die Familie nicht zusammenpassen können und die Familie oft den Kürzeren zieht. Während die Familie auf Kontinuität und Gemeinschaftswohl basiert, handelt der Kapitalist in der Regel kurzfristig, flexibel und zu seinem eigenen Nutzen. Dieser Widerspruch wird noch verstärkt, da die Frau heutzutage Familie und Karriere möglichst gleichzeitig möchte. Im Zuge dieses Wunsches leiden aktuell meistens die Karriere oder die Kinder. Versucht die Frau den Spagat zwischen Karriere und Familie ohne Abstriche zu meistern, steht sie selbst häufig kurz vor dem Burnout. Aus meiner Sicht müssen wir weg von dem Motto „Alles zur gleichen Zeit” und hin zu „Alles hat seine Zeit”. Das heißt im Klartext, dass eine Frau, wenn sie sich auf die Familie konzentrieren möchte, dass auch können soll. Falls sie dann eine Karriere anstrebt, wenn die Kinder schon älter sind, muss dies noch möglich sein. Hierfür fehlen in Deutschland ganz klar die Rahmenbedingungen. Frauen, die sich nur um die Familie kümmern, werden schnell mit dem Stempel „Hausmütterchen” versehen (während anderen wiederum vorgeworfen wird, dass sie wegen des Jobs die Familie vernachlässigen). So gehen viele Frauen neben der Familie auch noch arbeiten, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Hilfreich wären hier am ehesten Halbtagesjobs mit maximal 20 Stunden pro Woche. Mehr halte ich nicht für zuträglich für eine Familie, wenn der andere Partner (wenn er denn vorhanden ist) schon vollzeitlich arbeitet. Problematisch finde ich auch, dass ein längeres Fernbleiben vom Arbeitsmarkt nicht in das Konzept der Wirtschaft passt. Bisher wird offensichtlich von den meisten Arbeitgebern angenommen, dass alle Mütter in ihrer Elternzeit „verblöden” – je mehr, umso länger sie nicht in ihrem Beruf arbeiten. Es wird gar nicht gesehen, dass viele Frauen solche Fähigkeiten wie Multitasking, Belastbarkeit, Geduld und hohe Sozialkompetenz in ihrer intensiven Familienphase erst richtig entwickeln. Diese wichtigen und für jeden Job grundlegenden Fähigkeiten bringen Mütter beim Wiedereinstieg in den Beruf mit. Ebenso arbeiten Frauen und Männer heute ja schon bis zum 67. Lebensjahr, sind aber ab 40 Jahren schon schwieriger in den Beruf vermittelbar. Warum traut man den Frauen mit 40 Jahren nicht mehr zu eine Karriere aufzubauen, wenn sie zuvor ihre Kinder bekommen haben und sich vornehmlich um die Familie kümmerten? Hier muss sich etwas Grundsätzliches in den Köpfen der Arbeitgeber, der Industrie und der Politik verändern, damit die goldene Regel „Alles hat seine Zeit” wieder anwendbar ist. Da das wahrscheinlich noch eine Weile dauern wird, möchte ich bis dahin alle Familien ermutigen, selbst und bewusst zu entscheiden, welcher Weg für sie selbst der beste ist (es gibt nicht den einen richtigen) und diesen mutig und konsequent zu gehen – und sich dabei gegenseitig zu unterstützen.

Das Interview führte Marcus Krahlisch für trainyabrain

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