NFP Berater vom Aussterben bedroht?!

NFP-Berater-Aussterben

In den 80er Jahren gab es sehr viele NFP Berater. Heute bin ich einer der letzten aktiven Berater, doch wie kam es zu dem Massensterben der NFP Berater?

Als Anfang der 80er Jahre die Arbeitsgruppe NFP gegründet wurde und die ersten Ausbildungskurse zur Beraterin / zum Berater für Natürliche Familienplanung (NFP) durchgeführt wurden, waren männliche Berater für Natürliche Familienplanung (NFP) etwas völlig Normales. Häufig besuchten Paare die Ausbildung, wie zum Beispiel das bekannte Beraterpaar Martin und Elena Werner, die immer noch aktiv sind. Heute können wir die aktiven NFP Berater an einer Hand abzählen.

Als ich 2011 gemeinsam mit Anne meine Ausbildung zum NFP Berater begann, ahnte ich noch nicht, warum es zu dem großen Massaker der NFP Berater kam. Ich konnte gar nicht verstehen, dass nicht noch mehr Männer diese wirklich tolle Ausbildung mitmachen möchten. Um es vorweg zu nehmen, die Ausbildung war klasse und ist nicht der Grund für das Massenaussterben der NFP Berater. Nein, meiner Ansicht nach ist eher die Zeit nach der Ausbildung der Grund hierfür. Hier wird man mit der bitteren Realität konfrontiert, doch lest selbst welche Erfahrungen ich gemacht habe:

Frauen wollen keine NFP Berater

Diese bittere Erkenntnis ist mir in den letzten Monaten gekommen als ich im Kino saß und mir „Und tschüss, Hormone!” ansah. Die Zuschauerinnen konnten in der anschließenden Diskussion nach dem Film Fragen stellen, die einzige Frage, die ich als Mann bekam: „NFP Beratung machen auch Männer?” „Ja, das machen auch Männer!”, entgegnete ich verwirrt und traurig. „Schließlich ist es eine Methode für Paare und manche Frauen bringen auch ihren Partner in die NFP Beratung mit”, fügte ich überzeugend hinzu. Das anschließende Schweigen und die Blicke nach unten, sagten mir in diesem Moment mehr als tausend Worte. Anschließend löcherten sie die anwesenden NFP Beraterinnen mit Fragen rund um die Temperaturmessung, Zervixschleim usw… Ich bekam nicht eine einzige Frage mehr. Wirklich schade, aber das ist die Realität.

Nun, könnt ihr gern sagen, das dies ja nur eine Erfahrung sei und dies noch gar nichts aussagt. Doch es blieb nicht bei dieser Erfahrung. Mehrere Male hatte ich einen kurzen Vortrag beim NFP Info Abend. Einem Abend, wo sich interessierte Frauen vor einem Kurs informieren können, ob NFP etwas für sie ist. Ich trat vor die Frauen und sagte: „Was habt ihr denn für Fragen an mich als NFP Berater?” Es folgte eine unerträgliche Totenstille. Ich beschloss die Stimmung etwas zu lockern und erzählte dann von den Fragen der Männer in den Kursen und motivierte die Frauen auch ihre Partner mit in den NFP Kurs zu nehmen. Dann war ich fertig – die Frauen hatten mir aufmerksam zugehört und hatten auch noch fragende Gesichter. Doch die Fragen, die richteten sie anschließend nicht an mich, sie richteten sie an meine Partnerin, als wenn sie einem Mann die Antwort nicht zutrauen würden.

Frauen wollen sich nur mit Frauen über Verhütung unterhalten

Nicht erst seit meiner NFP Facebookgruppen Story ist klar, dass Frauen sich lieber mit Frauen über NFP austauschen. Männer sind hier nicht erwünscht, diese Erfahrung musste ich immer wieder machen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich im NFP Ausbildungskurs einer Gruppenarbeit meinen ersten Zyklus mit einer künftigen NFP Beraterin diskutierte und sie sagte: „Normalerweise rede ich nicht mit Männern über solche Dinge, aber bei dir werde ich mal eine Ausnahme machen!” Damals hat mich das ziemlich gekränkt, zumal ich in der Auswertung und Diskussion der Übungszyklen von Anfang an deutlich weniger Fehler machte, als viele andere Teilnehmerinnen. Es sollte einige Zeit dauern, bis die Frauen erkannten, dass ich wirklich NFP Berater werden wollte und die symptothermale Methode kannte. Anschließend waren sie immer sehr freundlich zu mir und die Ausbildung wurde zu einer tollen Erfahrung, die ich niemals missen möchte. Doch diese Beispiele zeigen halt deutlich, warum es NFP Berater immer schwer haben werden. Wir leben halt seit vielen Jahren in einer Welt, in der meist die Frauen die Hauptverantwortung bei der Verhütung tragen. Aus diesem Grund sprechen sie Männer ganz unbewusst eine geringe Kompetenz beim Thema Verhütung zu. Diese voreingenommene Haltung merke ich auch immer wieder zu Beginn eines NFP Kurses. Erst wenn die Frauen merken, dass ich mich wirklich mit der Methode und dem Menstruationszyklus auskenne, wagen sie es, Fragen an mich zu stellen. Wenn das passiert, geht der NFP Kurs für mich erst richtig los.

Frauen wollen Artikel von Frauen über NFP lesen

Ich analysiere schon seit einigen Monaten die Besucherstatistiken hier im Blog und ich muss dabei immer wieder feststellen, dass die Frauen lieber Artikel von Anne als von mir lesen. Zwar habe ich mit Menstruationskalender für Profis, Zervixschleim Deluxe und Quadratur der Basaltemperatur wirklich sehr populäre Artikel geschrieben, doch geht man ins Detail sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Zum Beispiel werden 90 % der Amazon Produkte via Werbelinks über Annes Artikel verkauft. Ein Zufall? Wohl kaum, denn ironischerweise ist mein erfolgreichster Amazon Verkaufsartikel „Astalavista Akne”, ein Beitrag, der gar nichts mit NFP zutun hat.

Zu wenig Frauen wollen eine NFP Beratung

In vielen Regionalgruppen ist die NFP Beratung eher ein ehrenamtlicher Nebenerwerb als eine sichere Einnahmequelle. Wenn man sich beispielsweise überlegt, dass die NFP Regionalgruppe in Berlin im Jahr etwa 70 bis 100 Anfragen hat, die sich auf etwa 7 aktive BeraterInnen verteilen, dann kann man sich ausrechnen, dass dies nicht zum Leben reicht. Die NFP Berater sind daher gezwungen – hauptberuflich einem anderen Job nachzugehen. Oft bleibt dann nicht mehr viel Zeit für die NFP Beratung übrig, denn ehrlich gesagt ist man nach 40 Stunden pro Woche froh, noch genügend Zeit für Familie und Freunde zu haben.

NFP kann nur durch eine Frau repräsentiert und verbreitet werden

Alle PR-Berater und Marketing Experten auf der Social Media Week in Berlin im vergangenem Jahr, gaben mir deutlich zu verstehen, dass man NFP nur mit einer Frau als Leitfigur verbreiten kann. Dies ist aus meiner Sicht einer der Hauptgründe, warum sich viele NFP Berater nach einiger Zeit mehr und mehr aus der NFP Arbeit zurückgezogen haben.

Wie geht es weiter!

Meine LeserInnen kann ich beruhigen, ihr werdet weiterhin Artikel von mir lesen und auch die NFP Kurse werde ich trotz all den Erfahrungen weiter durchführen. Es macht mir einfach zu viel Spaß, wenn ich ehrlich bin. Doch der Umfang wird viel geringer sein, als in den vergangenen Jahren. Ich werde künftig mehr im Hintergrund wichtige NFP Arbeit leisten und Anne als Blogautorin und Beraterin für Natürliche Familienplanung (NFP) unterstützen. Mittlerweile sehe ich es so wie viele Experten, die NFP braucht starke Frauen an der Spitze. Nur so kann die NFP glaubwürdig verbreitet werden.

Die NFP braucht trotzdem auch starke Männer!

Schaut man in die Geschichte zurück zeigt sich, dass die NFP starke Männer dringend braucht. Angefangen mit dem holländischen Mann (Van de Velde), der den Temperaturanstieg nach dem Eisprung entdeckte, weiter geht’s mit dem Entwickler der symptothermalen Methode Prof. Dr. Josef Rötzer – auch ein Mann. Die weltweit größte Zyklusdatenbank mit ca. 43 000 Zyklen der Forschungsgruppe NFP wurde unter der Leitung eines Mannes (Prof. Dr. Freundl) ins Leben gerufen. Die erste Online-Zyklusverwaltung über die symptothermale Methode wurde von Christian Korscheck programmiert – wieder ein Mann. Vielleicht werde ich auch mal Geschichte schreiben 😉 , denn immerhin habe ich die ersten Blogartikel über NFP im Netz geschrieben und diesen Blog gemeinsam mit meiner Partnerin gegründet. Und so würde es mich nicht überraschen, wenn der nächste große Schritt für die NFP wieder von einem Mann kommt, vorausgesetzt das wir dann noch nicht ausgestorben sind 😉 .

Natürlich Grüße sendet

Marcus Krahlisch

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  • Magdalena
    22. April 2014, 13:21

    Achja wie nett. Du hast das erlebt, was viele Frauen tagtäglich in anderen v.a. heteronormativen Lebensbereichen erleben.
    Beispiele: Bei Autohändlern/ -verleihern wird ständig der werte Göttergatte angesprochen und angeschaut, obwohl man eigentlich öfter und mehr mit dem gesuchten Auto unterwegs sein wird.
    Das passiert in Berufen, wenn nicht nach der Chefin gefragt wird, sondern nach dem Chef, oder bei Meetings andere Anwesende beim/ vorm Kennenlernen erst mal automatisch davon ausgehen, dass er der Chef und sie die hübsche Assistentin ist. Und das sind nur zwei Beispiele von sehr sehr vielen.

    Was meiner Meinung nach damit nicht verglichen werden kann/ darf, ist der geschichtliche Aspekt der Entwicklung der NFP Methoden. In deiner Analyse übersiehst du leider die Privilegien, die Männer inne hatten und noch immer haben, die strukturellen Ursachen, die dazu führten, dass deutlich weniger Frauen in die Forschung und Wissenschaft gehen/ gegangen sind bzw. zuvor (zur Zeit von van de Velde) sie zum großen Teil noch nicht einmal studieren durften und den Punkt, wer die Autor(_innen)schaft von Veröffentlichungen inne hat. Assistent_innen, die an der Forschung und den Erkenntnissen einen ebenso hohen Anteil haben werden dort eben übersehen. ZB ist das auch bei der Entwicklung der Pille der Fall gewessen, als deren “Mutter” ja Carl Djerassi gilt. Sexismus in der persönlichen Ansprache und Kompetenzzuweisung ist einfach ein ziemlich anderer Stiefel als Sexismus im Bildungssystem, Ressourcenzugang, in der Wissenschaft & Forschung und der Aufnahme durch das Fachpublikum usw.

    • Anne Zietmann
      23. April 2014, 15:16

      Ja das stimmt natürlich – da hast du recht, dass die Frauen damals nicht mal studieren durften. Ich glaub Marcus hat in diesem Zusammenhang den Vergleich etwas unglücklich gewählt. Es ist halt einfach nur sehr ironisch, dass die Frauen den männlichen Berater nicht so ganz ernst nehmen oder lieber eine Beraterin bevorzugen, wenn es doch Männer waren, die es entwickelt haben. Es gibt ja auch Frauenärzte und Frauenärztinnen. Aber vermutlich liegt es daran, dass man bei NFP Beratungen über sehr intime Dinge reden muss/möchte und Frauen das lieber „wie mit ‘ner guten Freundin” bereden möchten.