Tragen statt Wagen?! Mein Kinderwagen-Coming-Out

Tragetuch, Kinderwagen

Brauche ich einen Kinderwagen – ja oder nein? Wie es zu meiner Entscheidung gegen einen Kinderwagen kam. Der gesellschaftliche Druck und die Reaktionen darauf.

Mein Kinderwagen-Coming-Out

Hiermit möchte ich nun öffentlich bekannt geben, dass ich mich bewusst FÜR das Tragen meines Kindes entschieden habe und keinen Kinderwagen verwenden möchte. Da ich nun das x-fachte Mal darauf angesprochen wurde, warum wir denn keinen Kinderwagen hätten, entstand bei mir ein inneres Bedürfnis danach, mich hinsichtlich dessen outen zu müssen: Ja, wir haben keinen Kinderwagen und das ist auch gut so! 😉

Wie es zu meiner Entscheidung gegen einen Kinderwagen kam

Es ist praktisch

Zunächst war es eine rein praktische Entscheidung, da wir im 4. OG ohne Lift wohnen und keine wirkliche Abstellfläche für einen Kinderwagen haben. Außerdem fahren wir fast ausschließlich im ÖPNV und da finde ich es einfacher mit einem Tragetuch oder einer Tragehilfe als mit einem Kinderwagen, mit dem man immer auf einen Lift oder hilfsbereite Leute angewiesen ist. Aus diesen Gründen sagte ich mir, mal abwarten und falls wir einen brauchen sollten, kann man ja immer noch später einen kaufen. So vergingen die Monate und mittlerweile ist unser Baby 7 ½ Monate und jetzt bin ich mir in meiner Entscheidung noch sicherer geworden, DENN zu den praktischen Gründen kamen noch emotionale, wissenschaftliche, windelfreie und soziale Gründe hinzu.

Die emotionalen Gründe

Wer einmal sein Baby im Tragetuch oder Tragehilfe getragen hat, der weiß wovon ich spreche. Ich fühle mich mit meinem Baby so verbunden und ausgeglichen beim Tragen, dass ich manchmal wie auf Wolke 7 schwebe. Es erinnert an das Gefühl, wie es im Bauch war / wie es war, ein Baby im Bauch zu haben. Toll ist daran auch, dass der Vater dieses Gefühl dann auch mal erleben kann, da er das Schwangerschaftsgefühl ja nicht selbst fühlen konnte.

Die wissenschaftlichen Gründe

Dazu kam noch eine Studie heraus, die besagte, dass Kinder im Kinderwagen (vor allem wenn sie nach vorne schauen) gestresster sind. Ich kann das gut nachvollziehen und hatte diese Vermutung auch schon vorher. Ich selbst fühle mich nämlich gestresst, wenn mein Baby im Kinderwagen liegt. Ja, auch ich kam nicht darum herum einen Kinderwagen ausprobieren zu dürfen, da sich die Eltern und Schwiegereltern kurzerhand einen Kinderwagen gekauft haben um unser Baby beim Babysitting nicht tragen zu müssen, was ich auch gut verstehen kann. Also probierten wir ein paar Mal den Kinderwagen aus, wenn wir zu Besuch waren. Ich fühlte mich allerdings nicht so gut dabei, mein Baby vor mir herzu schieben. Irgendwie hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, ihn dort so ohne Körperkontakt liegen zu sehen. Besonders schlimm empfand ich es, wenn es dann geschrien hat. Ok – ich hätte es dann hoch heben und trösten können, aber das geht unterwegs meistens nicht so gut. In der Trage muss ich das Baby nicht hoch heben, da ich es ja schon direkt am Körper trage. Womit ich zu meinem weiteren Punkt komme, warum ich das Tragen so toll finde.

Die windelfreien Gründe

Durch den engen Körperkontakt lässt es sich wunderbar unterwegs Windelfrei praktizieren, denn man merkt ziemlich deutlich, wenn das Baby mal muss. Im Kinderwagen würde ich das viel weniger gut bemerken oder erst wenn es zu spät ist.

Die sozialen Gründe

Letztendlich kam hinzu, dass ich in meinem sozialen Umfeld Leute kennen lernte, die auch keinen Kinderwagen haben. Das gab mir persönlich nochmals mehr Unterstützung und ich fühlte mich vor allem nicht so allein mit meiner Entscheidung. So kam es dazu, dass ich bei meiner Entscheidung blieb und auch bleiben werde.

Best-of-Sprüche gegen meine Entscheidung

Die häufigsten Sprüche, die mir liebe Verwandte und Bekannte nahe gelegt haben, habe ich hier mal zusammengefasst.

Spruch 1:

„Und da hängt er jetzt die ganze Zeit so drin? Das ist doch keine angenehme Haltung für ein Baby – das muss doch auch mal liegen!“

Ja da „hängt“ er so drin – und es ist sogar noch gut für die Hüftentwicklung. In diesem Video-Interview mit der erfahrenen Trageberaterin Monique Reiter wird das deutlich.

Spruch 2:

„Mensch, du schnürst dich ja richtig ab. Und davon bekommst du auch noch Rückenschmerzen!“

Nun ja, ich muss sagen, dass ich vor der Schwangerschaft schon extreme Rückenschmerzen hatte, wenn ich mal längere Zeit gelaufen bin oder mich überanstrengt habe. Ohne starke Schmerzmittel habe ich es an solchen Tagen nicht ausgehalten. Dann fing ich an Rückenübungen und Rückenyoga zu machen. Nicht jeden Tag, aber schon regelmäßig. Auch während der Schwangerschaft habe ich weiterhin Yoga praktiziert und als mein Baby dann da war, habe ich Rückbildungsgymnastik gemacht, in der bekanntlich auch die Rückenmuskeln gestärkt werden. In den ersten Monaten habe ich schon ab und zu nach längerem Tragen Rückenschmerzen bekommen. Wenn das so war, habe ich gleich am Abend eine extra Rückentrainingseinheit eingelegt und am nächsten Tag war alles wieder ok. Durch das tägliche Tragen ist es mittlerweile so, dass ich keinerlei Rückenschmerzen oder sonstige Beschwerden habe. Ich mache nur noch sporadisch ein paar Rückenübungen und trage mein Neun-Kilo-Baby ca. eine halbe bis mehrere Stunden am Tag.

Spruch 3:

„Wie lange willst du ihn denn noch tragen? Das ist doch viel zu schwer!“

Meine Standard-Antwort auf diese Frage ist: „Bis er alleine laufen kann! Ich finde es nicht schwer.“ Mehr kann ich dazu einfach nicht sagen :D.

Spruch 4:

„Da drin ist er doch viel zu eingeschnürt und sieht auch kaum was!“

Hier weise ich nun nochmal auf die Studie hin, in der die Kinder im Kinderwagen unter ständigem Stress stehen – vor allem, wenn man einen Spaziergang durch die Stadt macht. Ein Video gedreht aus der Sicht eines Kindes, das aus dem Kinderwagen nach vorne ausgerichtet schaut, wirkt wie ein kleiner Horrortrip – mit vorbeifahrenden Autos und Hinterteilen auf Augenhöhe sowie das nicht-selbst-gesteuerte Fahren, das nicht beeinflusst werden kann. Aus diesem Blickwickel betrachtet, bin ich ehrlich gesagt froh, dass mein Kind „nicht so viel sehen kann“. Davon mal abgesehen, kann es natürlich, wenn es das will, schon nach rechts und links aus der Trage hinaus schauen. Der enge Körperkontakt wirkt für Kinder eher beruhigend und lässt sie so auch leichter und schneller einschlafen.

Schlussbemerkung

Sicherlich gibt es auch ein paar Vorteile des Kinderwagens und ich kann Eltern mit Kinderwagen auch völlig nachvollziehen. Jeder muss hier seine für sich stimmig anfühlende Lösung finden. Viele Eltern kombinieren z. B. auch Tragen und Kinderwagen. Deshalb soll dieser Beitrag bitte nicht missverstanden werden und das alleinige Tragen als DAS WAHRE anpreisen, ABER – für mich ist es eben so.

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