Ohne Hebamme bekomm‘ ich kein weiteres Kind

Ohne Hebamme bekomm' ich kein weiteres Kind!

Keine Geburtshilfe = keine Kinder? Was tun, wenn die Politik uns im Stich lässt? Aus Protest keine Kinder mehr zeugen oder dann erst recht?

Traurig, traurig, traurig

Wenn es doch nur nicht so traurig wäre… Ich blicke zu meinem friedlich schlafenden Sohn und freue mich unendlich darüber, dass er da ist. Über ZWEI Jahre ist seine Geburt nun her. Er ist mein erstes Kind und allmählich frage ich mich, ob es auch mein einziges Kind bleiben wird? Denn ob ich nochmal eine Schwangerschaftsvorsorge im Geburtshaus mit erfahrenen Hebammen bekomme ist fraglich. Auch eine Entbindung mit zwei Hebammen während der Geburtsphase kann aktuell nicht gewährleistet werden. Eine Nachsorgehebamme, die wenn es sein muss jeden Tag acht Wochen lang nach der Geburt zu mir nach Hause kommt, der ich tags oder nachts eine Frage per SMS stellen kann und immer schnell eine Antwort bekomme, ist nun bald LEIDER NICHT MEHR sichergestellt. Das macht mich sehr traurig. Ich würde gerne noch ein weiteres Kind bekommen, aber unter diesen Voraussetzungen habe ich eher Angst nochmal ein Kind zu bekommen.

Ich verstehe die Politik nicht

Die Politik ist mir schon seit meiner Schulzeit ein Rätsel. Alle haben theoretisch ein demokratisches Mitspracherecht, aber wenn es wirklich darauf ankommt, fühlt man sich oft hoffnungslos verloren. Entscheidungen werden teilweise getroffen von Menschen, die offensichtlich keinerlei Ahnung von dem jeweiligen Thema haben und die Erwartungen der Bürger werden oft einfach ignoriert und übergangen. Zumindest fühlt es sich für mich oft so an. Ähnlich wie es gerade der Geburtshilfe in Deutschland ergeht, lief es beispielsweise bei der „Zwangsfusion“ der BTU Cottbus und der Hochschule Senftenberg. Bis auf eine einzige Politikerin waren eigentlich fast ALLE anderen Beteiligten und vor allem die Studierenden gegen diese Fusion. Es wurden mehr als ausreichend viele Unterschriften mit einer Petition gesammelt und etliche andere Aktionen durchgeführt. Und was ist am Ende passiert? Aus mir völlig unverständlichen Gründen konnte sich die wohl bemerkt EINE Politikerin (Sabine Kunst) durchsetzen und die Fusion ist momentan schon zwangsvollzogen worden. Auch die Hebammen und alle in der Geburtshilfe arbeitenden Menschen, sowohl auch alle BürgerInnen, die in Deutschland noch ein Kind/Enkel/Urenkel/Ur-Ur… bekommen möchten sind direkt oder indirekt betroffen von der aktuellen (Nicht-)Handlungsweise der Politik. Hermann Gröhe versucht sein Bestes, so heißt es in so manchem hochrangigem Magazin, aber bis jetzt ist davon noch nichts zu spüren. Das ist schon etwas seltsam, dass Frau Kunst mit ihrem Vorhaben – die beiden Hochschulen zu vereinigen – im null Komma nichts scheinbar im Alleingang schaffte alles in Sack und Tüten zu bringen oder zumindest es schaffte die „richtigen“ Leute zu überzeugen, ABER Herr Gröhe es nicht schafft die Geburtshilfe in Deutschland zu retten. Das soll jetzt kein Vorwurf an Herrn Gröhe sein – ich verstehe es nur einfach nicht.

Zeugungsstreik oder Kinder-Boom-Flashmob?

Während ich letzte Woche vergeblich auf eine Regionalbahn und S-Bahn in Berlin wartete, weil wieder einmal ein GDL-Streik über mehrere Tage an stand, stellte ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn beim Thema Geburtshilfe auch mal gestreikt wird. Allerdings ist es nicht so günstig, wenn die Hebammen und Geburtshelfer streiken, weil nicht genug Menschen davon betroffen wären und es außerdem gefährlich für die Mütter und deren Babys wäre. Aber was wäre, wenn alle Paare und Eltern, die noch weiter Kinder bekommen möchten, ein Jahr Baby-Zeugungspause einlegen würden? Ein kompletter Null-Jahrgang sozusagen. Klar, das wäre dann ein Jahr lang das totale Aus für die Geburtshilfe in Deutschland, aber nicht nur das – es würde auch weitreichende Folgen für Kitas, Schulen, Universitäten, Kinderärzte, Gynäkologen uvm. haben. Es würde also eine sehr breite Masse unserer Gesellschaft spüren, zwar erst Jahre später, aber die Vorstellung darüber, welche Ursachen das haben könnte, reichen vielleicht schon aus. Wenn alle Familien und Paare sich vereinigen würden und einen solchen Zeugungsstreik ankündigen würden, würde sich DANN etwas ändern? Würde die Politik DANN endlich einschreiten und sich für eines der wichtigsten Dinge in unserem menschlichem Zusammenleben kümmern, es verbessern? Würde die Politik sich DANN dafür einsetzen, um den Menschen einen würdevollen Start ins Leben zu ermöglichen?

Die bessere Variante wäre jedoch, wenn fast ALLE, die im gebährfahigem Alter sind innerhalb der nächsten Monate ein Kind zeugen würden. Ein Baby Boom Flashmop, das war’s doch, oder? Wenn dann im Folgejahr anstatt der üblichen ~680.000 Geburten, plötzlich 5-10 Millionen Geburten stattfinden würden, würde ich gerne mal sehen, was dann passiert und wie die Politik darauf reagieren würde. Das hätte dann natürlich auch wieder weitreichende Folgen auf Elterngeld, Kita, Schule usw. ABER mit dem Unterschied, dass die momentane Randgruppe „Familie mit Kindern“ dann auch plötzlich viel viel mehr Leute wären als es aktuell leider der Fall ist. Das könnte doch dann nicht mehr so einfach ignoriert und übergangen werden, denke ich. Tja, nur ist diese effektivere/bessere Variante etwas schwieriger umzusetzen. Da Kinderkriegen unter anderem nichts für Feiglinge ist, stelle ich es mir eher schwierig vor, sooo viele Leute FÜRs Kinderkriegen bzw. Kinderzeugen zu überzeugen. 😉

Meine persönlichen Protestaktionen

Plakat-Hebammen-Mahnwache-Berlin

Ein Plakat, das ich bei der ersten Berliner Mahnwache fotografiert habe

Hebammenunterstuetzung-Babymesse

Ich am Hebammenunterstützungsstand „Elterninitiative“ auf der Babymesse

Ich selbst habe natürlich auch schon an einigen Protestaktionen mitgemacht. Bei beiden Berliner Mahnwachen habe ich teilgenommen – einmal mit meinem Sohn und beim zweiten Mal mit Sohn plus Papa. Ich habe beide Unterschriftenlisten unterschrieben, wobei am Ende zu wenige unterschrieben haben als nötig gewesen wäre. Nachdem mich Jana vom Hebammenblog gefragt hat, ob ich am Stand der „Elterninitiative Hebammenunterstützung“ auf der Babymesse mit helfen möchte, habe ich mir auch dafür zwei Stunden Zeit genommen. Auf Facebook gute Links zum Thema „Rettung der Geburtshilfe“ geliked, geteilt, kommentiert, die „Zappenduster Profilbild“-Aktion mitgemacht und so weiter. Viele, viele Aktionen gab es in den letzten Monaten… Die Anzahl an UnterstützerInnen in der Facebookgruppe „Hebammenunterstützung“ und anderen steigt, aber anscheinend sind es immer noch zu wenige, um wirklich etwas zu verbessern, oder?

facebook-ProfilBildAktion-zappenduster

Das zappenduster Profilbild von der facebook-Protest-Aktion

Sind wir zu wenige?

Mir fiel schon mehrfach in letzter Zeit auf, dass es viel zu wenige Menschen direkt betrifft beziehungsweise, dass viele nicht über die aktuelle Lage der Geburtshilfe Bescheid wissen oder es nicht ernst nehmen, weil sie einfach niemand richtig darüber aufgeklärt hat. Klar, ich selbst habe erstmals von der Problematik der Haftpflichtversicherung der Hebammen gehört als ich mit meinem Lebenspartner zusammen im Geburtshaus das erste Treffen mit einer Hebamme hatte. Sie klärte uns darüber auf, dass die Versicherungsgebühren immer weiter ansteigen und es bisher keine Lösung dafür gebe – das war im Frühjahr 2012. Nun ist es fast Ende 2014 und auf der Babymesse(!), auf der quasi das Publikum fast NUR aus Betroffenen bestand, wussten trotzdem geschätzt 40% der Leute, die ich am Stand ansprach, nicht darüber Bescheid. Das fand ich persönlich sehr erschreckend. Dazu kommt noch, dass die Masse der Leute in Deutschland entweder aus dem Alter raus sind Kinder zu bekommen oder selbst noch keine Kinder haben und deshalb nicht verstehen können, warum die Geburtshilfe und insbesondere Hebammen soooooo wichtig sind. Kurz gesagt – die meisten in Deutschland interessieren sich einfach nicht dafür, weil es sie persönlich zumindest aktuell nicht betrifft. Die wenigen Eltern, die es momentan gibt, sind zudem noch sehr eingespannt mit Familie und Beruf, sodass für Proteste wenig Zeit bleibt. Deshalb mache ich mir langsam wirklich große Sorgen um die zukünftige deutsche Geburtshilfe. Da liegt es eigentlich ziemlich nahe, dass über ein zusätzliches Wahlrecht für Eltern nachgedacht wird. Das wäre immerhin mal eine vernünftige Maßnahme zur Verbesserung, finde ich.

Was mir bleibt, wenn sich nichts verbessert

Tja, was bleibt mir denn noch übrig, wenn das so weiter geht? Spontan fallen mir vier Dinge ein.

  • Auswandern

    Ich könnte auswandern in ein anderes Land, in dem die Geburtshilfe noch funktioniert, z. B. nach Österreich? Gut, dafür müsste ich mein komplettes Umfeld, Familie, Freunde, meine Lieblingsstadt Berlin aufgeben. Vielleicht ist das doch keine so gute Idee…

  • Keine weiteren Kinder

    Ich könnte auch einfach die Variante des „Zeugungsprotestes“ wählen und einfach so lange kein weiteres Kind bekommen bis sich die Lage der Geburtshilfe wieder verbessert hat. Natürlich auf die Gefahr hin, dass ich dann eventuell gar kein weiteres Kind mehr bekomme. Mithilfe der symptothermalen Methode ist es jedenfalls möglich, sehr sehr sicher eine Schwangerschaft zu vermeiden. Jetzt bin ich 29 Jahre alt. Bis aller spätestens Ende 30 kann ich mir vorstellen noch ein weiteres Kind zu bekommen. Also habe ich noch etwa 10 Jahre Zeit. Aber will ich wirklich sooo lange warten? Der Geschwisterabstand wäre dann 12 Jahre! Das ist nun auch nicht wirklich meine Traumvorstellung…

  • Alleingeburt

    Alternativ könnt ich natürlich auch eine Alleingeburt probieren. Dann könnte ich aber auch gleich in eine Klinik gehen 😉 , denn oft sind die Gebärenden dort allein, weil jetzt schon das zu wenige Klinikpersonal sich um mehrere Gebärende gleichzeitig kümmern muss. Klar, sind dort für den Notfall (hoffentlich) auch Ärzte vorhanden. Allerdings bin ich weder für eine Klinikgeburt als auch für eine Alleingeburt zu haben, es sei denn es geht nicht anders. In einer Klinik fühle ich mich nicht wohl genug, um mich entspannen zu können und bei einer Alleingeburt hätte ich Angst, dass ich selbst oder mein Partner nicht richtig einschätzen kann, wenn doch lieber ein Arzt dazu kommen sollte…

  • Millionär werden und Hebamme einfliegen lassen

    Als letzte Möglichkeit kann ich nur noch in Betracht ziehen, Millionär zu werden und eine oder besser noch eine Hand voll Hebammen zu mir nach Hause einfliegen zu lassen. JA, mit dieser Variante wäre ICH zufrieden, allerdings was ist dann mit den anderen über Sechshunderttausenden Gebärenden jedes Jahr? Ist doch klar, die müssten dann auch Millionär sein…

Fazit

Wenn es doch nur nicht so traurig wäre…dann könnte man darüber nur noch lachen. 🙁 Trotz alledem möchte ich nun mit meinem Beitrag ALLE dazu aufrufen, die Hebammen und die gesamte Geburtshilfe zu unterstützen. Schaut auf die Homepage der Hebammenunterstützung und/oder beteiligt euch an der gleichnamigen Facebookgruppe, um die neusten Aktionen und Proteste schnell mitzubekommen und daran mitzuwirken. Fügt eure facebook-FreundInnen zur Gruppe hinzu – damit es noch mehr werden! Leitet es an FreundInnen weiter und helft mit!

Wichtig

Die Unterschriftensammlung/Petition läuft noch bis Ende 2014 offline weiter. Liste downloaden, ausdrucken, alle Bekannten & Verwandten unterschreiben lassen und abschicken.

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{ 4 comments… add one }
  • Lamasus
    24. November 2014, 16:41

    Hallo,

    ich habe leider keine so guten Erfahrungen mit Hebammen gemacht, insbesondere bei der Entbindung nicht, denn hier herrschte großer Zeitdruck, durch den der natürliche Ablauf gestört wurde. Wenn ich nicht so genau gewusst hätte, dass ich keinen Wehentropf und keine sonstigen externen Helferlein brauche, sondern in der Lage bin, mein Kind alleine zu entbinden, wäre meine Geburt schnell pathologisch geworden.
    Für mich ist klar: Wenn es ein weiteres Kind geben sollte, lasse ich mir noch weniger reinreden – und Nachsorge mache ich beim Kinder- bzw. Frauenarzt.
    Eine traurige Erfahrung.
    Lamasus

  • Sarah Schmid
    18. November 2014, 14:49

    Ich bin für’s Selbermachen. Die wichtigsten Infos zum Gebären sind heute so leicht zu kriegen wie noch nie und unsere Frauenkörper funktionieren prima, wenn man sie gut pflegt und zur Geburt nicht bei der Arbeit stört. Für die wenigen wirklichen Notfälle gibt’s Kliniken.
    Selbst ist die Frau. Freue mich auf mein demnächst viertes Mal Gebären in Eigenregie. 🙂

  • Lydia Abdallah
    17. November 2014, 21:59

    Das Problem sind ja leider nicht nur die steigenden Versicherungsprämien und die mangelnde Entlohnung unserer Hebammen, sondern das völlige Fehlen eines Versicherungsangebotes ab Sommer 2016. Ab Sommer nächsten Jahres gibt es eine Art Zwischenlösung, allerdings nur für die Hebammen, die Mitglied beim DHV sind. Für alle anderen ist schon 1 Jahr vorher Schluss. In wenigen Monaten.
    Traurig, dass ein Land wie Deutschland seinen Geburtshilfe-Standard meilenweit zurückdreht…
    Wir brauchen ein Umdenken in Sachen Geburtshilfe!
    Die zweite Petition, die du gezeichnet hast, läuft übrigens offline noch bis Ende des Jahres, d.h. alle Stimmen zählen noch!! Druckt euch Listen aus und lasst alle Freunde, Bekannten und Verwandten unterschreiben!

    • Anne Zietmann
      18. November 2014, 11:43

      Vielen Dank für deinen Hinweis, Lydia. Ich hab es nun unten im Beitrag ergänzt.