Schwanger werden trotz Endometriose – Interview mit Dr. med.   Schweizer-Arau

Dr. med. Annemarie Schweizer ArauSchwanger werden trotz Endometriose, wie geht das? Dr. med. Schweizer-Arau erklärt im Interview, wie es mit der SART Methode funktionieren kann.

Liebe Frau Dr. med. Annemarie Schweizer Arau, können sie sich unseren LeserInnen kurz vorstellen? Warum sind sie online und offline aktiv?

Ich beschäftige mich als Ärztin für Psychotherapeutische Medizin und Chinesische Medizin seit 20 Jahren mit Patientinnen, die an unerfülltem Kinderwunsch und Endometriose leiden.
In mehreren Büchern (*“Hoffnung bei unerfülltem Kinderwunsch“ und „Sanfte Wege zum Wunschkind“  und Buchbeiträgen ( Endometriose Ratgeber ) habe ich meine Erfahrungen für eine breitere Leserschaft zugänglich gemacht. Im Internet bin ich auch etwas aktiv. Auf meiner Homepage sart.de können Betroffene und Interessierte viele Informationen finden, Links und Berichte und Erfahrungen im Gästebuch.

Sie haben in den 90er Jahren eine neue Methode mit der Abkürzung SART entwickelt, die Frauen vor allem in schwierigen Fällen beim Schwangerwerden helfen soll. Können Sie kurz erklären, was SART ist und wie sie darauf gekommen sind?

SART steht als Abkürzung für Systematische Auto Regulation Therapie – was im Grunde eine Kombinationstherapie aus tiefenpsychologischer Psychotherapie und chinesischer Medizin (TCM) darstellt. Das Ziel ist dabei, die Selbstregulationskräfte einer Person frei zu setzten.

Wie ich drauf gekommen bin? Ich habe eigentlich schon seit der Schulzeit nach einer wirksamen Behandlungsmöglichkeit für Schmerzen von leidenden Menschen gesucht. Deshalb habe ich Medizin studiert, und später mich der Psychosomatik zugewandt. Aber erst mit der chinesischen Medizin habe ich gefunden, was ich gesucht habe: ein Medizinsystem, das die Empfindungen der Menschen ernst nimmt und ein in sich logisches und wirksames Behandlungskonzept im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat.

Bei der TCM wird z. B nicht zwischen Körper und Psyche unterschieden, das heißt der Mensch wird als ganze Person, als komplexes, ganzes System wahrgenommen. Das heißt, wenn jemand Schmerzen hat, wird dieser Mensch ernst genommen und nicht als psychisch = eingebildet oder selbst verschuldet interpretiert und abgetan. Leider glauben auch heute noch viele Frauen, dass Menstruationsbeschwerden „normal“ seien. Zudem gibt es in der TCM sehr vielseitige, wirksame Behandlungsmöglichkeiten.

Der Ansatz, psychotherapeutische Methoden mit Methoden der traditionellen chinesischen Medizin zu kombinieren, ist schon sehr interessant. Kürzlich habe ich eine Studie von Ihnen gelesen, dass SART auch zur Linderung von Endometriose bedingten Schmerzen beitragen kann. Stimmt das? Was kam bei Ihrer Studie konkret heraus?

Mein Interesse gilt auch der wissenschaftlichen Erforschung der Wirkung von SART.
So konnten wir in einer großen, klinischen Studie, an der 67 Endometriosepatientinnen teilnahmen, nachweisen, dass durch die Behandlung mit SART, erstens sich die Schmerzen der Patientinnen signifikant reduziert und sich ihr Wohlbefinden signifikant besserte und zweitens auch noch nach zwei Jahren anhielt.

Behandelt wurden alle Patientinnen von mir in meiner Praxis in Diessen, die Untersuchungen und Auswertungen wurden von Frau Prof. Dr. Meissner an der Universität München/Coburg , Frau Priv. Doz. Dr. Roxana Popovici und Priv. Doz. Dr. Christine Preibisch durchgeführt. Die Auswertungen der Hirnscans und die Planung der Studie nahm Prof. Dr. Florian Beissner von der Universität Hannover vor. Nur mit einer so großartigen engagierten Studiengruppe war diese Studie überhaupt erst möglich.

Wir konnten die Studie im November 2016 in der sehr renommierten Zeitschrift Obstetrics and Gynecology veröffentlichen. Diese Zeitschrift stellt sehr hohe Ansprüche an die wissenschaftliche Qualität einer Studie,das heißt sogenannte „Reviewer“ prüfen die Daten vor der Veröffentlichung sehr genau. Dass die Studie zur Veröffentlichung angenommen wurde, zeigt auch, dass die Zeit reif ist, für eine neue Betrachtungsweise von Schmerzen bei Endometriose nach dem Motto: East meets west.

Die Studie ging über zwei Jahre, in denen Frauen sowohl TCM als auch psychotherapeutische Behandlungen bekamen. War es schwierig Teilnehmerinnen für die Studie zu finden – die so viel Durchhaltevermögen mitbringen? Wie genau lief die Behandlung der Patientinnen ab?

Für die Studie war es nicht schwierig Teilnehmerinnen zu finden. Die Patientinnen kamen teilweise von sehr weit her angereist, um an der Studie teilzunehmen. Leider gibt es viele Frauen, die jahrelang an extremen Schmerzen leiden und oft mehrfach operiert werden. Im Durchschnitt hatten die Patientinnen mehr als eine Operationen hinter sich – manche bis zu sieben Operationen. Die Studie ging über zwei Jahre, das heißt aber nicht, dass die Patientinnen zwei Jahre zur Therapie kamen. Die Behandlungsdauer für die einzelne Patientin Betrug mindestens drei Monate oder 6-12 Behandlungstermine. Manche Frauen kamen auch länger, wenn sie wollten. Nach zwei Jahren haben wir dann nochmal Fragebögen verschickt, für das sogenannten Follow-up, um zu erfahren und zu dokumentieren, wie es den Frauen mittlerweile ging.

Die Studie selbst zog sich über mehrere Jahre hin, bis wir 60 Patientinnen aufgenommen hatten und jede nach zwei Jahre nachkontrolliert war. Vom Beginn der Studie 2010 bis zur Publikation sind 6 Jahre vergangen.

Ich war ganz erschüttert zu lesen, dass 30 bis 60% der Frauen gerade nach den schulmedizinischen OPs starke Endometrioseschmerzen haben sollen. Sind nicht gerade die OPs die Maßnahmen, welche die Schmerzen im Körper lindern sollen?

Tatsächlich wird mittlerweile allgemein anerkannt, dass die Schmerzen durch eine OP höchstens kurzfristig verbessert werden. Denn Schmerzen entstehen letztlich immer im Kopf aus dem komplexen Zusammenwirken verschiedener Prozesse. Nur weil der Schmerz im Unterleib empfunden wird und auch Endometrioseherde dort gefunden werden, bedeutet das noch nicht, dass die Endometrioseherde auch die alleinige Ursache der empfundenen Schmerzen sind. Es gibt auch viele Frauen, die haben riesige Endometrioseherde und keinerlei Schmerzen oder kleine Herde und unerträgliche Schmerzen. 

Nun bin ich von der Schmerzreduktion, die in Ihrer Studie nachgewiesen werden konnte – ja schon beeindruckt. Worauf führen sie den Erfolg der Studie zurück?

Unsere Schmerzempfindung entsteht wie gesagt eigentlich immer im Kopf, auch wenn der Schmerz im Unterleib empfunden wird. Bis heute wissen wir zwar noch nicht genau, wie Schmerzwahrnehmung eigentlich entsteht, aber dass es ein Zusammenwirken verschiedener Hirngebiete bedarf, ist mittlerweile unumstritten. Und genau dort im Gehirn habe ich angefangen, das heißt ich lege den Schwerpunkt in der Therapie besonders auf die Verarbeitung schmerzhafter Erinnerungen. Teilweise sind diese den Patientinnen oft nicht mehr bewußt zugänglich.

Bei den Untersuchungen im Hirnscanner konnten wir nun auch zeigen, dass bestimmte Hirnareale, die mit dem Gedächtnis zu tun haben, nach der Therapie anders miteinander bei den Frauen kommunizierten.

Unsere LeserInnen mit Endometriose sind nun sicher schon sehr froh zu hören, dass die Beschwerden gelindert werden können. Aber wie sieht es mit dem Schwangerwerden aus, kann hier SART auch helfen?

Ganz erfreulich war, das 60 % aller Patientinnen, die schwanger werden wollten, mittlerweile auch Mütter geworden sind. Diese Behandlung hat darüber hinaus zur Normalisierung verschiedenster Körperfunktionen beigetragen. So wurden auch Kopfschmerzen, Allergien, Rückenschmerzen und Infektanfälligkeiten besser .

Ist hierzu auch eine Studie geplant bzw. durchgeführt worden und wann kann man die Ergebnisse vorraussichtlich nachlesen?

Zu den Schwangerschaftsraten habe ich schon früher mal etwas veröffentlicht in einer retrospektiven Auswertung. Damals lagen in der Gruppe, die mit SART behandelt wurden, die Schwangerschaftraten ca. 20% über den üblichen Zahlen des Deutschen IVF Registers. Auf meiner Homepage habe ich erst kürzlich eine Auswertung aller Patientinnen mit Kinderwunsch veröffentlicht, die im Jahre 2014 wegen Kinderwunsch kamen. Bis heute sind 70% der Frauen schwanger geworden und 64 % Mutter. Bei den meisten Patientinnen, die zu mir kommen, handelt es sich um sogenannte austherapierte Patientinnen, die meist zahlreiche erfolglose künstliche Befruchtungen hinter sich haben.

Patientinnen mit Endometriose werden nach einer guten TCM Behandlung meist leicht schwanger, ganz im Gegensatz zu den Statistiken, die man sonst lesen kann. Aussagen von ÄrztInnen oder solche Statistiken können oft wie eine negative Hypnose wirken, die die Frauen an ihrer Fruchtbarkeit zweifeln läßt.

Ich arbeite gerne mit den Kinderwunschzentren zusammen, die bereit sind, IVF ohne Hormone, die sogenannte IVF naturelle durchzuführen. Wir sind gerade dabei, die Daten der letzten Jahre auszuwerten. Zudem arbeite ich zusammen mit anderen TCM-KollegInnen daran, eine Art TCM Register zu erstellen, um unsere Behandlungsergebnisse zu erfassen.

In ihrem Buch konnte ich lesen, dass die Schulmedizin bei spontanen Krankheiten/Unfällen, bei denen schnell reagiert werden muss, wie z. B. einem Beinbruch, absolut stark ist, während sie bei chronischen Erkrankungen wie Endometriose meist nicht so gute Antworten hat. Wie sehen sie die Rolle der TCM und Alternativmedizin bei chronischen Erkrankungen wie Endometriose, was würden sie jeder Patientin in diesem Fall empfehlen?

Bei einem Computer gibt es Hardware und Software. Bei Hardware Fehlern öffnet man den Computer und wechseln ein Teil aus. Bei Software Fehlern sucht man dagegen, wo der Programmfehler liegt – korrigiert ihn, macht Updates etc. Im menschlichen Körper gibt es funktionelle Störungen und materielle Veränderungen, die man sehen und messen kann, aber beides ist eng miteinander verflochten. 

Die Trennung in Körper und Seele ist eher künstlich und geschichtlich zu sehen und wird durch neue Forschungsergebnisse und die alltägliche Erfahrung sehr in Frage gestellt. Die TCM hat sich in den 3000 Jahren ihrer Entwicklung hautsächlich mit funktionellen Störungen beschäftigt und komplexe Theorien und Therapiemethoden entwickelt. Eigentlich fehlt diese Sichtweise in unserer westlichen Medizin. Daher stellt die TCM eine komplementäre Medizin dar, die die westlichen Therapieansätze sehr gut ergänzt und völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Es braucht East meets West.

Mein Ziel ist, daß diese komplementäre Behandlung für jede Frau zugänglich ist. Zwei Augen können mehr erkennen als eines – auf zwei Beinen steht man stabiler als auf einem.

Nun gibt es ja immer wieder Frauen, die sich Bücher über TCM kaufen und sich selbst bzw. durch Freunde behandeln möchten. Ist das möglich oder würden sie immer den Gang zu einer/einem klassischen TCM TherapeutIn empfehlen?

TCM ist sehr gut auch zur Selbstversorgung in Selbstverantwortung anzuwenden, ganz ähnlich wie bei uns die Hausmittel. So kann Qi Gong, Ernährung und Moxibustion wunderbar zu Hause zur Anwendung kommen. Eine Kräuterbehandlung und auch Akupunktur setzt aber eine sorgfältige TCM Diagnose voraus, die ein/e sehr erfahrene/r TCM-TherapeutIn übernehmen sollte. An deren Ernährungsempfehlungen oder Rezepturen kann man sich dann im Alltag orientieren.

Es gibt wahrscheinlich wenige Frauen, die eine Begleitung, wie Sie mit Erfahrungen in der TCM und Psychologie finden werden. Was können sie Frauen empfehlen, um SART auch in ihrer Nähe umzusetzen?

Dies stellt jetzt die nächste Herausforderung dar – andere TherapeutInnen und ÄrztInnen in SART auszubilden. Die Adressen meiner beiden ersten SchülerInnen stehen unter Links auf meiner Homepage. Unter tcm.edu gibt es auch Adressen von erfahrenen TCM ÄrztInnen in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz zu finden. Vielleicht reicht ja schon eine TCM Behandlung alleine, um die Beschwerden zu lindern Parallel dazu könnten Betroffenen auch noch einen erfahrenen Psychologen aufsuchen.

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